Wolkig mit Aussicht auf Travel Blues

Wolkig mit Aussicht auf Travel Blues

Der Wind trägt die Stimme des Straßenmusikers herüber, der auf der anderen Seite vom Canada Place gerade „Only Time“ zum Besten gibt. Passanten in Sommerkleidern strömen vorbei, die Trägheit hängt förmlich in der Luft. Und ich sitz mittendrin und weiß mal wieder nicht, was ich denken soll.
Die Neuseeländer, mit denen ich gestern Vancouver erkundet habe, sind weg, mein Stadtplan besteht mittlerweile aus zwei Teilen und auch von dem Sushirestaurant in der Granville Street hab ich mich in Form von einem Mittagessen verabschiedet. Eigentlich könnte ich also ganz beruhigt gehen.
Dieses leicht wehmütige Gefühl ist trotzdem da und mit ihm das Bedürfnis, noch ein paar Tage länger in Vancouver zu bleiben. Aber wie heißt es so schön; man soll immer dann gehen, wenns am Schönsten ist. Und es ist ja auch nicht so, dass ich mich nicht auf Zuhause freue, ganz im Gegenteil!

Die Wetteraussichten in München sind zwar nicht ganz so schön wie in Canada aber mit den vielen Erinnerungen im Gepäck sollte ich ausreichend für das neue Semester gewappnet sein. Hoffe ich. So oder so, ich wollte mich an dieser Stelle nochmal bei euch bedanken. Danke, dass ihr mich hier so ein bisschen auf meiner Reise durch Kanada begleitet und damit irgendwie auch zum Weiterbestehen dieses Blogs beitragen habt 🙂

Ich hoffe, wir sehen uns alle ganz bald wieder – und dann auch in echt!

Liebe Grüße,
Eure Anne

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Das magische Baumhaus

Das magische Baumhaus

Für alle, die eine der coolsten Buchreihen meiner Kindheit nicht kennen – es geht um 2 Kinder (eines davon heißt witzigerweise sogar Anne), die mit einem Baumhaus durch die Zeit reisen und dabei haufenweise Abenteuer erleben.
Ich fand den Titel hier ziemlich passend, denn die letzten Tage fühlen sich genau wie eines davon an: „Das magische Baumhaus – der Zauber von Orcas Island“. Oder so ähnlich.
Dass ich da gelandet bin, war mal wieder Zufall – wie fast alles auf dieser Reise. Ursprünglich wollte ich nach Jasper nochmal zurück nach Whistler und am Ende noch eine halbe Woche in Vancouver verbringen. Tja, und dann kam die Nachricht von Ryan, der auf einer Website gesehen hatte, dass ich in Vancouver eine Unterkunft suche und damit das Angebot, ihn und seine Freundin auf dieser kleinen Insel an der kanadischen Grenze zu besuchen, von der noch nie jemand gehört hatte. Es war alles ziemlich kompliziert und ich hätte mir bestimmt einen Haufen Arbeit gespart, wenn ich einfach ein Busticket nach Whistler gekauft hätte, aber irgendwie klang das Ganze zu aufregend, um es unversucht zu lassen.
So kam ich schließlich am 27. September nachts um elf an dem winzigen Hafen von Orcas Island an und fragte mich zum ersten Mal, ob das wirklich so eine schlaue Idee gewesen war. Lange Zeit zum Zweifeln blieb mir aber zum Glück nicht, denn keine 5 Minuten später kam ein kleiner Truck hupend um die Ecke und auf dem Weg zu Ryans Haus sahen wir sogar die Nordlichter.
Ab da folgte dann ein Mini-Erlebnis auf das andere; von einem Ausflug zu einem See über Pizzabacken im Steinofen bis zu Whale-Watching-Touren und Abenden im Pool war so ziemlich alles dabei. Insgesamt hatten Anna und Ryan gerade 4 „Couchsurfer“ da und ich glaube, entspanner als da hätte ich meine Reise nicht beenden können! Einfach nur zu sein und nicht das Gefühl zu haben, irgendwas zu verpassen wenn man mal bis 12 im Baumhaus schläft oder den halben Tag in der Hängematte verbringt.
–> Pures Glück erleben – check 🙂

Schnarchende Chinesen

Schnarchende Chinesen

Also man kann über soziale Netzwerke sagen was man will – zum Backpacken sind die auf jeden Fall bestens geeignet!
Man hört ja immer wieder von Datingportalen, aber seinen Seelenverwandten über Facebook zu finden, ist tatsächlich auch möglich! So ging es mir letze Woche – wenn auch nicht im romantischen Sinne. Barbara wollte am gleichen Tag wie ich nach Jasper und hat in einer Gruppe nach einer Mitfahrgelegenheit gesucht…und mich stattdessen gefunden. Nachdem klar wurde, dass wir beide kein Auto mehr auftreiben würden, sind wir die Strecke von Lake Louise nach Jasper am Sonntag dann einfach spontan „gehitchhiked“. Weiß nicht, ob ich mich das alleine getraut hätte, aber mit einer kleinen französischen Daueroptimistin an der Seite funktioniert das echt gut! Und so ein bisschen Nervenkitzel war gar nicht schlecht, da konnte ich – mal wieder – gar nicht richtig drüber nachdenken, ob ich denn jetzt traurig sein sollte, dass ich die Ranch verlassen habe.


Unterwegs haben wir dann auch noch festgestellt, dass wir unabhängig voneinander das gleiche Hostel gebucht hatten, also konnten wir auch noch unsere Einkäufe teilen – perfekt!
Und es war so cool, wieder in einem Hostel zu sein! Es klingt vielleicht komisch, aber ich hab es tatsächlich ein bisschen vermisst, in Schlafsälen zu übernachten und mir eine Küche mit 20 anderen Leuten zu teilen. So dieses unbeschreibliche Unterwegs-Sein-Gefühl 🙂 Das konnte nicht mal die Horde Chinesen, die die Betten um mich herum in Beschlag genommen hatte, kaputt machen – auch wenn einer von ihnen nachts schon ziemlich laut zu verstehen gab, dass er sich offensichtlich einen Schnupfen eingefangen hatte.
Am Tag drauf haben wir es mit unserer Fortbewegungsmethode dann sogar zu einem Canyon und einem relativ weit entfernten See geschafft und ich würde sagen, dass der Eindruck von Jasper zwar kurz aber auf jeden Fall bleibend war!
Jetzt bin ich nach einem Tag zurück in Lake Louise gerade auf dem Weg nach Vancouver (und der Schnarcher neben mir ist kein Asiate, sondern ein Cowboy) aber DAS Gefühl ist immer noch da und mit ihm das zufriedene Grinsen. Nicht die schlechteste Art, um im Bus ein bisschen Schlaf zu bekommen.

Postkartengrüße aus Lake Louise

Postkartengrüße aus Lake Louise

Lake Louise, der türkise See mit dem berühmten „Chateau“, der einen auf sämtlichen Postkarten in Banff angrinst. Grund genug, sich den mal anzuschauen, zumal der von unserer Ranch nur 1h Autofahrt entfernt liegt – also praktisch vor der Haustür.

Wir hatten gehofft, dass diese Wanderung nicht ganz so chaotisch enden würde wie die letzte, bei der wir nach einigen ungeplanten Umwegen fast zwei Stunden zu spät kamen und unsere Gasteltern kurz davor waren, einen Helikopter nach uns suchen zu lassen. Aber irgendwie scheint das Tagesmenü Sara + Anne + Berg immer mit einer Überraschungs-Beilage zu kommen und so war es auch dieses Mal.
Anfangs lief noch alles wie am Schnürchen; wir hatten aus unseren Fehlern gelernt und uns mit haufenweise Wasser und Essen eingedeckt und unser Gastvater setzte uns planmäßig bei der zweiten Location des Pferdeunternehmens ab, direkt hinter dem Hotel am See. Danach schmuggelte uns ein Koch durch den Lieferanteneingang und bis zur Rezeption der Schickimicki-Unterkunft (in der wir mit unseren Klamotten nur minimal aus dem Raster fielen) und ersparte uns damit den komplizierten Weg außenrum.
Bei dem Anblick, der sich einem dann draußen bot, war es wirklich schwer, sich das Lachen zu verkneifen: auf der gesamten Uferpromenade wetteiferten Asiaten, die mit allen Arten von Kameras bewaffnet waren, um die besten Plätze vor dem Bergpanorama. Dabei war vom Kussmund-Selfie bis zum Pärchen-Möchtegernfotoshooting mit Spiegelreflex und Stativ alles dabei und wir waren schon drauf und dran zu fragen, ob wir uns nicht dazustehen können.
Beim Weitergehen wurde es dann aber immer leerer und am Ende war der Weg nicht voller als beim Wandern in den Alpen. Unser erstes Ziel war ein Gletscher und nachdem der deutlich schneller erreicht war als gedacht, beschlossen wir, auch noch den zweiten See in der Gegend mitzunehmen.

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Gletscherfoto 

Der Aufstieg auf den Berg dazwischen brachte aber sogar den sportfanatischen Australier, den wir unterwegs kennengelernt hatten, ins Schwitzen und es dauerte gefühl hundert „es ist bestimmt nicht mehr weit“s bis wir endlich oben waren. Der Ausblick war es dann aber mehr als wert – Lake Louise auf der einen und Lake Agnes auf der anderen Seite und das Ganze noch umrahmt von Gletschern und Bergen – perfekt!
Rückblickend hatten wir richtig Glück, dass wir das zügige Tempo durchgehalten haben, denn dieses Panorama hielt genau 10 Minuten. Dann wechselte das sonnige Wetter schlagartig und es begann zu schneien. Die Art von dicken weißen Flocken, durch die man vielleicht 100 Meter weit sieht. Merry Christmas everybody!
Nach 20 Minuten waren wir komplett weiß und haben uns sämtliche Arten von heißer Schokolade ausgemalt, die es im Dorf gegen könnte. Der Weg dahin war zwar noch etwas länger aber der Coffee Shop, den wir schließlich auftreiben konnten, kam meiner Vorstellung vom Paradies in dem Moment ziemlich nahe. Und es ist echt krass, wie sehr man sich freuen kann, wenn man seine Finger wieder bewegen kann!
Immerhin waren wir dieses Mal aber pünktlich – also wieder kein Helikopterflug – und den Punkt “ in den Bergen vom Wetter überrascht werden“ können wir jetzt auch abhaken. 😉

 

Schneeflöckchen Weißröckchen

Schneeflöckchen Weißröckchen

Wieso hab ich nochmal 5 kurze Hosen dabei? Und Sandalen? Und FlipFlops?!?
Damit auch ja nicht zu viel Platz in meinem Rucksack ist und ich auf die Idee komme, hier irgendwas einzukaufen?
Eigentlich wollte ich nicht immer über das Wetter schreiben aber im Ernst, so einen extremen Temperatursturz hab ich noch nie erlebt! Ich meine, am Wochenende war der Rauch noch so dicht, dass es roch, als würde an jeder Ecke eine Grillparty veranstaltet werden und am Montag haben wir uns noch auf irgendwelchen abenteuerlichen Wanderwegen halb tot geschwitzt.
Aber dann ging alles ganz schnell: am Dienstag kam endlich der erste richtige Regen seit über zwei Monaten und am Mittwoch Morgen waren wirklich alle umliegenden Bergspitzen weiß. Heute kam das Ganze schließlich auch bei uns im Tal an und obwohl ich mich sonst immer über Schnee freue, hat mir der Herbst hier doch irgendwie gefehlt. Vielleicht bin ich ja doch eine Frostbeule.
Allerdings haben wir festgestellt, dass man Aufgaben wie Füttern und Bänkeputzen deutlich effektiver erledigt, wenn man schlotternd in der Kälte steht, so gesehen hat das Ganze auch was Gutes – zumindest für unsere „Arbeitgeber“. Und die verschneiten Berge haben schon auch was, das muss man ihnen wirklich lassen!

 

50 Shades of Rocky Mountains

50 Shades of Rocky Mountains

Das ist er. Der Platz, der meine Nachmittage zur entspanntesten Zeit des Tages und sogar die ein, zwei Stunden Biochemielernen zu einem Erlebnis macht, auf das ich mich immer wieder freue. Ich hatte schon fast vergessen wie gut es tut, einfach am Wasser zu sitzen und Löcher in die Luft zu starren. Und der Ausblick auf die Berge ist wirklich wunderbar! Und jedes Mal anders – an manchen Tagen erkennt man z.B. sämtliche Details im Gestein und manchmal ist der Rauch der Waldbrände so dicht dass man die Rockies eher erahnen als sehen kann.
Egal wie, sich den Waldpfad am Fluss entlang höchstens mit ein paar Rehen zu teilen, ist ein absoluter Luxus und ich bin mehr als froh, dass ich den Großteil meiner Ferien hier verbringen kann. Und es sind wirklich Ferien, denn obwohl ich nicht weiß, ob ich den Geruch nach Pferd und Hund jemals wieder aus meinen Haaren bekomme, überarbeiten tut man sich auf dieser Ranch absolut nicht!
Unser Tag beginnt immer um 8 Uhr mit Pferdefüttern und nach einer ca. eineinhalb-stündigen Pause heißt es dann meistens „Meet you at the donut at 10“. Der Donut ist eine Art Festzelt mit einer runden Öffnung in der Mitte, das man für Hochzeiten und Barbecues mieten kann. Von da aus machen wir dann alles, was gerade anfällt – also Janets (das ist die Besitzerin) heilige Blumen gießen und im Normalfall irgendwas streichen (mein Langzeitprojekt ist ein eeeewig langer Zaun, der das ganze Grundstück eingrenzt). Gegen 13 Uhr werden wir dann in unsere Mittagspause geschickt und wenn wir nachmittags nicht Rile oder Teeah „hundesitten“ müssen, haben wir im Normalfall frei. Abends geht’s vor dem Füttern meistens noch reiten, aber das ist auch nichts Verpflichtendes.
Das Einzige, das wohl anstrengender ist, sind die Hochzeiten. Davon haben wir diesen Monat sogar gleich sechs Stück und anfangen tut das Ganze morgen – ich bin aber ziemlich gespannt, wie das hier abläuft und freu mich schon! 🙂

 

 

Das Texas von Kanada

Das Texas von Kanada

Staub wirbelt auf, das Lasso saust durch die Luft und wickelt sich um die Beine des Kalbs. Staunend schauen wir zu, wie zwei Reiter vom Pferd springen und das Tier festbinden und mit Kreide „brandmarken“. Dann schwenkt der Richter eine Flagge, die Runde ist vorbei und das nächste Quartett jagt der nächsten Kuh hinterher. Wie im echten Ranchleben. Ich lasse meinen Blick zum x-ten Mal über die Leute um uns herum schweifen und nehme mir vor, Filme mit Cowboys in traditioneller Kluft nie wieder als übertrieben oder unrealistisch abzustempeln. Ein kanadischer Freund von mir hatte mir schon gesagt, dass die Provinz Alberta praktisch das Texas von Kanada ist, aber auf das, was mich hier erwartete, war ich definitiv nicht vorbereitet.

Alles begann damit, dass ich vor einer Woche ein bisschen verloren am Busbahnhof in Banff stand und nach einem weißen Truck mit silbernem Anhänger Ausschau hielt – mehr stand in der kurzen Email nicht, die mir die Managerin der Ranch, auf der ich die nächsten Wochen arbeiten sollte, geschickt hatte. Das Ungetüm an Auto, das schließlich vor mir hielt, war bestimmt 8 Meter lang und heraus sprang ein Mann, der mich ein bisschen an meinen Onkel erinnerte, nur dass er allen Ernstes einen Cowboyhut und dazu passenden Stiefel trug!
So lernte ich also Kevin, den Vater der Familie, der der Betrieb gehört, kennen, der gerade 8 Pferde von einer Tour nach Hause brachte. An einer Tankstelle gabelten wir dann noch Mike, einen weiteren Mitarbeiter auf und ich hoffe bis heute, dass ich ihn in dem Moment nicht zu offensichtlich angestarrt habe. Zu meiner Verteidigung, ich hab bis zu dem Zeitpunkt tatsächlich geglaubt, dass es sowas wie richtige Cowboys höchstens noch in Geschichten gibt, aber der Mann mit Hut, Drei-Tage-Bart, Halstuch, Jeans und klackernden Sporen an den Lederstiefeln hat mich eines besseren belehrt.
Im Laufe der nächsten zwei Tage lernte ich den Rest der Familie kennen und nach circa vier Tagen war ich soweit, dass ich mich nicht mehr darauf konzentrieren musste, nicht alles und jeden ungläubig zu mustern.
Diese Fähigkeit wurde heute allerdings wieder ziemlich auf die Probe gestellt als wir zu einem Rodeo mitdurften. (Wir bezieht sich übrigens auf die zwei anderen Freiwilligen, die hier auch mithelfen) Das entspricht so ziemlich einem Reit-Turnier, nur im Western-Style, sprich Kühe fangen, auf buckelnden Pferden und Stieren reiten und so weiter 😉 Da sind sogar dreijährige Kinder mit Hemd und Stiefeln rumgelaufen und zum Teil auch mitgeritten!!
Es gibt sie also wirklich, die Cowboys, und ich muss sagen, bisher gefällt mir das Ganze wirklich gut 🙂