Staub wirbelt auf, das Lasso saust durch die Luft und wickelt sich um die Beine des Kalbs. Staunend schauen wir zu, wie zwei Reiter vom Pferd springen und das Tier festbinden und mit Kreide „brandmarken“. Dann schwenkt der Richter eine Flagge, die Runde ist vorbei und das nächste Quartett jagt der nächsten Kuh hinterher. Wie im echten Ranchleben. Ich lasse meinen Blick zum x-ten Mal über die Leute um uns herum schweifen und nehme mir vor, Filme mit Cowboys in traditioneller Kluft nie wieder als übertrieben oder unrealistisch abzustempeln. Ein kanadischer Freund von mir hatte mir schon gesagt, dass die Provinz Alberta praktisch das Texas von Kanada ist, aber auf das, was mich hier erwartete, war ich definitiv nicht vorbereitet.

Alles begann damit, dass ich vor einer Woche ein bisschen verloren am Busbahnhof in Banff stand und nach einem weißen Truck mit silbernem Anhänger Ausschau hielt – mehr stand in der kurzen Email nicht, die mir die Managerin der Ranch, auf der ich die nächsten Wochen arbeiten sollte, geschickt hatte. Das Ungetüm an Auto, das schließlich vor mir hielt, war bestimmt 8 Meter lang und heraus sprang ein Mann, der mich ein bisschen an meinen Onkel erinnerte, nur dass er allen Ernstes einen Cowboyhut und dazu passenden Stiefel trug!
So lernte ich also Kevin, den Vater der Familie, der der Betrieb gehört, kennen, der gerade 8 Pferde von einer Tour nach Hause brachte. An einer Tankstelle gabelten wir dann noch Mike, einen weiteren Mitarbeiter auf und ich hoffe bis heute, dass ich ihn in dem Moment nicht zu offensichtlich angestarrt habe. Zu meiner Verteidigung, ich hab bis zu dem Zeitpunkt tatsächlich geglaubt, dass es sowas wie richtige Cowboys höchstens noch in Geschichten gibt, aber der Mann mit Hut, Drei-Tage-Bart, Halstuch, Jeans und klackernden Sporen an den Lederstiefeln hat mich eines besseren belehrt.
Im Laufe der nächsten zwei Tage lernte ich den Rest der Familie kennen und nach circa vier Tagen war ich soweit, dass ich mich nicht mehr darauf konzentrieren musste, nicht alles und jeden ungläubig zu mustern.
Diese Fähigkeit wurde heute allerdings wieder ziemlich auf die Probe gestellt als wir zu einem Rodeo mitdurften. (Wir bezieht sich übrigens auf die zwei anderen Freiwilligen, die hier auch mithelfen) Das entspricht so ziemlich einem Reit-Turnier, nur im Western-Style, sprich Kühe fangen, auf buckelnden Pferden und Stieren reiten und so weiter 😉 Da sind sogar dreijährige Kinder mit Hemd und Stiefeln rumgelaufen und zum Teil auch mitgeritten!!
Es gibt sie also wirklich, die Cowboys, und ich muss sagen, bisher gefällt mir das Ganze wirklich gut 🙂

 

Advertisements

4 Gedanken zu “Das Texas von Kanada

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s